Filmkritik zu „Jarhead – Willkommen im Dreck“

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner darf hin…“

Kriegsfilm oder Antikriegsfilm? Das 122-minütige tragikomische Werk von „American Beauty“-Regisseur Sam Mendes, das auf dem gleichnamigen autobiographischen Buch von Anthony Swofford basiert, stieß auf kontroverse Kritik. SALTO hat den Film mal für euch unter die Lupe genommen…

Samstag Abend, fünf Minuten nach acht: Ich betrete den Kinosaal und steuere die oberen Reihen an, auf der Suche nach einem freien Platz. Auf der Leinwand knattert ein Militärhubschrauber, Männer mit Uniform und Waffen laufen durchs Bild. Na nu, hat der Film etwa schon angefangen? Nein, hat er nicht! Nach wenigen Sekunden hört man die Stimme einer jungen Frau sagen: „Planen Sie Ihre berufliche Zukunft mit der Bundeswehr…“

Etwas verwirrt setze ich mich auf meinen Platz. War dieser Film nicht eigentlich als Antikriegsfilm ausgeschrieben?? Wie war das noch gleich mit der zielgruppenorientierten Werbung??

Na ja, ist ja jetzt auch egal. Ein paar weitere hochinteressante Produktinformationen werden mir visuell und optisch eingetrichtert, und wenig später tauche ich ein ins Filmgeschehen…

Jarhead Ausschnitt
Bild: © United International Pictures GmbH Frankfurt

USA, 1990: Der damals 20-jährige Anthony Swofford, genannt „Swoff“ (Jake Gyllenhaal), bewirbt sich bei den Marines. Nach einer knallharten Ausbildung mit menschenverachtendem Drill wird er mit seinem Teampartner Troy (Peter Sarsgaard) und seinen Kameraden im ersten Golfkrieg stationiert. Die Truppe bekommt dort den Auftrag, kuwaitische Ölfelder zu beschützen. Bald schon müssen die zum Krieg hoch motivierten jungen Männer erkennen, dass dieser Auftrag recht sinnlos ist, da die amerikanischen Kampfjets die irakischen Truppen in Grund und Boden bomben und ihnen so die ganze „Arbeit“ abnehmen.

Zwei Stunden lang wird gezeigt, wie die „Jarheads“ (übrigens ein Slang-Begriff aus dem Marine-Jargon, der soviel wie „Schraubglas“, „leeres Gefäß“ oder auch „Hohlkopf“ bedeutet und eine Anspielung an die kahlgeschorenen Köpfe der Soldaten ist) gelangweilt in ihren Zelten abhängen, im heißen Wüstensand herumkurven und absurd anmutende Übungsmanöver gegen unsichtbare Feinde durchführen. Die jungen Männer werden mit Briefen und Videos konfrontiert, die anschaulich die neusten Affären der zurückgelassenen Freundinnen dokumentieren. Wenig heldenhafte Aufgaben wie stundenlanges Wache schieben und Latrinenausräuchern stehen für die ach so patriotisch eingestellten Geister auf dem Programm.

Swoff und Konsorten bleibt also nur eins übrig: Zähne zusammenbeißen und durch. Einfach ausharren, mitten in der Wüste, mitten in diesem sinnlosen, riesigen Nichts. Immer darauf wartend, endlich „den Irakis in den Arsch treten“ zu können. Über den ganzen Film hin ziehen sich Swoffs Kommentare aus dem Off. Er spricht in der Ich-Perspektive, er kommentiert das Geschehen mal sarkastisch mit viel Galgenhumor, mal deprimiert und verzweifelt.

Doch woher kommt diese Verzweiflung? Ist es die Verzweiflung darüber, dass Krieg ist, oder die Verzweiflung darüber, dass leider keiner hin darf?

Einige Szenen sind eindeutig und enthalten eine klare Anti-Kriegs-Botschaft. Wenn die Marines etwa durch ein von den Fliegern zerstörtes Dorf laufen und dort den ekelhaften Anblick verkohlter Leichen der Irakis ertragen müssen, wird wohl nicht nur dem Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes kotzübel.

Im Kontrast dazu stehen andere Szenen, die mittels tiefschwarzem Humor etwa den entwürdigenden Umgang einem anderen Toten zeigen. („Guck mal, dass ist mein neuer Freund: Ahab, der Araber!“).

Jarhead Ausschnitt
Bild: © United International Pictures GmbH Frankfurt

„Willkommen im Dreck“ – Diesen Satz, der gleichzeitig Untertitel des Films ist, bekommt Swoff insgesamt dreimal von einem der anderen Marines zu hören: Das erste Mal, kurz nachdem er seine Ausbildung antritt, das zweite Mal, als der Einsatz in Kuwait beginnt, und das dritte Mal von Troy, nachdem er sich mit ihm über das Leben und die Zukunftsaussichten nach dem Krieg unterhalten hat.

Was also ist der „Dreck“?? Sind es die menschenunwürdigen Grausamkeiten, die die Marines während ihrer Ausbildung erdulden müssen, ist es der Krieg oder das ärgerliche Gefühl, nutzlos zu sein und nicht hin zu dürfen, oder ist es das Leben nach dem Krieg, in welchem sich der Marine vielleicht genauso nutzlos oder noch nutzloser fühlt? Oder ist es das alles zusammen? Soll man unter „Dreck“ allgemein das Lebensgefühl eines Marines verstehen?

Vielleicht wollte Anthony Swofford, auf dessen Autobiographie der Film beruht, uns mit seinem Buch ja auch nicht primär eine politische Botschaft vermitteln, vielleicht war dieser Erlebnisbericht für ihn in erster Linie nur ein Weg, seine Erfahrungen zu verarbeiten.

Der Film lässt sich sicherlich auf zwei verschiedene Arten auslegen, sowohl als Antikriegsfilm als auch als Anti-Leider-dürfen-wir-nicht-in-den-Krieg-Film. Eins steht auf jeden Fall fest: Der Film ist, eben weil er auf einem Erlebnisbericht beruht, nah an der Wirklichkeit. Es wird nichts beschönigt, keine patriotischen Heldengeschichten werden eingearbeitet, es wird einfach nur gezeigt, was passiert ist – beziehungsweise was nicht passiert ist.

Daher ist „Jarhead“ auf jeden Fall sehenswert, weil er Dinge anspricht, die sonst gerne aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden oder auch vertuscht werden und gar nicht erst ans Tageslicht geraten. Wie etwa der Aspekt der Zensur gegenüber der Presse, der in diesem Film ebenfalls behandelt wird: Nicht genug damit, dass die Marines bei Interviews mit Journalisten nur sagen dürfen, wie stolz sie doch sind, ihrem Land dienen zu dürfen, nein, die Inszenierung wird sogar noch so weit ins Absurde gesteigert, dass die Truppe vor laufenden Kameras im heißen Wüstensand zum Footballspiel gezwungen wird – und zwar in ABC-Schutzkleidung, „weil die mal sehen wollen, dass wir die benutzen“ (Zitat Staff Sergeant Sykes (Jamie Foxx)).

Auch der menschenverachtende Drill bei der Truppenausbildung zu Anfang des Films geht dem Zuschauer unter die Haut und lässt ihn innerlich zittern. Da wird Swoff in der Eingangsszene vom Sergeant angebrüllt und vor der ganzen Kompanie psychisch „fertig gemacht“, der Sergeant knallt außerdem Swoffs kahlrasierten Schädel mit voller Wucht gegen eine Tafel (Groteskerweise zu den Klängen von Bob Marleys „Don´t Worry, Be Happy“, das aus dem Off zu hören ist), wobei einer der Soldaten durchdreht; er läuft in ein zu Übungszwecken aufgebautes Maschinengewehr und kommt dabei ums Leben.

Sicher, hier ist nicht Amerika, aber wer solchen Irrsinn sieht, der wird nach diesem Film wahrscheinlich erst mal nicht mit dem Gedanken spielen, sich als Berufssoldat zu verpflichten.

Info: Der Film “Jarhead” ist inzwischen für etwa 20 € (unverbindl. Preisempfehlung) beim Händler eures Vertrauens auf DVD erhältlich.

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