Heiner Bremer im Interview mit jungen Nachwuchs-Journalisten im ThyssenKrupp IdeenPark
Was verbindet einen 67-jährigen, grauen Herrn mit Seitenscheitel, schwarzem Anzug und weißem Hemd mit 40 jungen, dynamischen und hoch motivierten Schüler- und Lokalzeitungsredakteuren? Ganz einfach: Die Leidenschaft und die Faszination für den Journalismus. Die Rede ist nämlich von Heiner Bremer – vielen bekannt als langjähriger Redaktionsleiter und Moderator beim „RTL Nachtjournal“. Auch beim Axel Springer Verlag und als Chefredakteur beim Stern hat er schon gearbeitet. Seit 2004 ist er Moderator der Talkshows „2+4“ und „Das Duell“ beim Nachrichtensender n-tv. Man könnte ihn schon einen „alten Hasen“ im Geschäft nennen. Er selbst hat sich mal als „Journalist durch und durch“ bezeichnet. Als er jedoch, kurz bevor er ans Podium tritt, als „einer der ganz Großen“ unter den Journalisten angekündigt wird, winkt er mit einer Geste bescheiden ab.

Auch sonst gibt sich Bremer sympathisch, bodenständig und versucht gleich zu Anfang seines Vortrags, eine Brücke zu den Jugendlichen zu spannen: „Ich war selbst mal Chefredakteur einer Schülerzeitung. Daran wäre beinahe meine weitere Laufbahn zugrunde gegangen, weil wir damals zu aufsässig waren.“ Amüsiert lauschen wir der Anekdote über den Protest der Redaktion gegen eine Zensur-Aktion des damaligen Herrn Oberstudiendirektors, die der Star-Journalist mit einem Schmunzeln zum Besten gibt.
„Zu meiner Zeit“, fährt der gebürtige Pinneberger fort, „war Journalismus eine ganz geile Vorstellung. Es gab nur zwei Voraussetzungen: Neugierde, und das Bestreben, Neugierde in Beobachtung umzusetzen.“ Doch das Bild des Journalisten habe sich im Laufe der Zeit gewandelt, und Bremer sieht einige dieser Entwicklungen sehr kritisch: Dadurch, dass es fast nur noch Großverlage wie Axel Springer, Bertelsmann und Bauer gebe, sei die Meinungs- und Informationsfreiheit heute nicht mehr so gewährleistet wie in den 60er und 70er Jahren. Journalisten ständen heutzutage unter einem gewaltigen Quoten- und Auflagendruck. Der Spagat zwischen Auflage und Qualität gelinge nicht immer. Der Konkurrenzdruck sei groß, die Glaubwürdigkeit des Journalisten leide.
Trotz dieses negativen Bildes hat Bremer die Begeisterung für seinen Beruf offenbar nicht verloren. So schildert er seinen Zuhörern beispielsweise lebhaft, was einen guten journalistischen Kommentar ausmacht: „Der Zuschauer muss sich begeistern oder empören können. Nicht ist so langweilig wie eine geschriebene Geschichte, die nirgendwo aneckt.“
Anecken, begeistern und empören – Das war und ist auch Teil des Konzepts der Sendung „RTL Nachtjournal“, das Bremer im Oktober 1993 als erster Redaktionsleiter und Moderator aus der Taufe hob. „Der damalige Programmchef war irgendwie der Meinung, dass wir nicht mehr nur Tutti-Frutti-Tanten tanzen lassen konnten, also musste ein Nachrichtenmagazin her. Dieses Nachrichtenmagazin stellte den Anspruch an sich, kesser und frecher als alle anderen zu sein.“ Das Konzept ging auf – die Einschaltquoten waren gut und bis heute ist die Sendung das mit Abstand erfolgreichste Nachtmagazin im deutschen Fernsehen.

Nach dem Vortrag sind wir an der Reihe, Fragen an Heiner Bremer zu stellen. Er gibt uns bereitwillig Auskunft, erzählt von dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher, der in seine Amtszeit beim Stern fiel. Er diskutiert mit uns lange und ausführlich, beispielsweise über Zusammenhang und Vereinbarkeit von politischem Engagement und Journalismus, über den Umgang der Medien mit dem Thema „Mohammed-Karikaturen“ vor drei Jahren, über journalistische Ethik und über die Rolle der BILD-Zeitung in unserer Medienlandschaft.
Nach einer dreistündigen, spannenden und lebhaften Diskussion folgt noch ein kurzer Fototermin. Dann verabschiedet sich Heiner Bremer von uns. Bei mir persönlich hat das Gespräch den Eindruck hinterlassen, dass der Beruf des Journalismus nach wie vor eine „ganz geile Vorstellung“ ist. Auch heute noch.
